DEL

29. September 2017

Lenz & Lenz Funk: Vater und Sohn

DEL Redaktion

Von DEL Redaktion

Mit Lorenz Funk senior ist in der Nacht von Donnerstag auf Freitag eine deutsche Eishockey-Legende verstorben. Lenz, wie ihn alle nannten, war eine Institution: Insgesamt 225 Mal streifte er sich das Trikot der deutschen Nationalmannschaft über, nahm an 13 Weltmeisterschaften sowie drei Olympischen Spielen teil. Dabei gehörte er zu der Mannschaft, die 1976 in Innsbruck die Bronzemedaille gewann. Dreimal wurde er Deutscher Meister, 1966 mit seinem Heimatverein, dem EC Bad Tölz, 1974 und 1976 mit dem Berliner SC. Nach seiner aktiven Karriere wechselte er dann hinter die Bande - unter anderem war er Manager der Eisbären Berlin - und gab sein ganzes Wissen bis zuletzt noch leidenschaftlich an die jüngeren Generationen weiter.

Zum Gedenken veröffentlichen wir das folgende Interview mit Lorenz Funk senior und Sohn Lorenz Funk junior, dass wir anlässlich von „20 Jahre DEL“ führten, noch einmal. Die Gedanken eines Fachmanns, der den Sport liebte, zur Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des deutschen Eishockeys.


Interview: Sven Goldmann und Daniel Stolpe

Eishockey, heißt es, ist eine familiäre Angelegenheit. Mitunter ist das wörtlich zu nehmen: Brüderpaare und Vater-Sohn-Beziehungen haben hierzulande eine lange Tradition. Man denke nur an Bernd und Gerd Truntschka, die Hinterstockers, Zachs, Gocs und Seidenbergs. Oder an Gerhard und Udo Kießling, an Uwe und Björn Krupp. Auch Lorenz Funk, Bronzemedaillengewinner bei den Olympischen Spielen 1976, und sein gleichnamiger Junior haben die DEL geprägt.

Herr Funk und Herr Funk, Lenz und Lenz: Sie haben 20 Jahre DEL Zeit gemeinsam, aber aus unterschiedlichen Blickwinkeln erlebt.

Lorenz Funk junior: Ach, ich kenne alle Seiten: Die als Spieler von früher und wie mein Vater als Sportdirektor, aber auch die als Geschäftsführer.

Lorenz Funk senior: Ganz ehrlich, mich interessiert das alles nicht mehr so sehr. Ich bin seit ein paar Jahren raus aus dem Geschäft, und ich fühle mich ganz wohl dabei.

Aber Sie waren 1994 eine der treibenden Kräfte bei der Gründung der Liga. Sozusagen einer der Revolutionäre.

Funk senior: So haben wir das damals gar nicht gesehen. Eigentlich war die DEL Anfang, Mitte der Neunziger eine Art Vorschlag für die Zukunft. Wir haben einfach mal laut nachgedacht, und dabei ist dieses Konstrukt herausgekommen, das hat mich selbst überrascht. Als die ersten Vorschläge einer Ausgliederung der Profiabteilungen in GmbHs auf den Tisch kamen, da haben sich die Verantwortlichen in vielen dieser Vereine gesagt: Das ist die große Chance! Wir fangen einfach noch mal bei Null an und sind alle Schulden los.

Lenz & Lenz: Senior und Junior haben sich dem Eishockey verschrieben (Foto: DEL).

Ganz so einfach, wie es klingt, war es nicht.

Funk junior: Lassen Sie mich mal versuchen, aus der Sicht der damaligen Entscheidungsträger zu argumentieren. Ich war 1994 ja noch Spieler und muss das auch im Nachhinein nicht verantworten. Es ging ja nicht nur um die Ausgliederung in GmbHs, es ging auch um Wachstum. Bedenken Sie bitte die damalige Perspektive des deutschen Eishockeys: Wir waren beim Publikumsinteresse hinter dem Fußball die Nummer zwei in Deutschland. Wer hat denn damals von Basketball oder Handball geredet?  Die Stadien waren zwar kleiner, aber fast immer ausverkauft, in Köln und Düsseldorf, in Mannheim und Frankfurt, in Berlin. Was den Vereinen fehlte, war die Möglichkeit zum Expandieren. Die 1. Bundesliga hatte zwölf Vereine, da bist du bei einer Doppelrunde auf 44 Saisonspiele gekommen plus Playoffs. Wenn man nun auf 18 Vereine erhöht, führt das zu wesentlich mehr Spielen und damit zu höheren Einnahmen.

Diese Rechnung ist nicht ganz aufgegangen.

Funk junior: Nein, das knappe Angebot vorher hatte ja auch sein Gutes. Auf einmal gab es  zwar mehr Spiele, aber eben auch einige Dienstagsspieltage; und einige DEL-Neulinge waren auch nicht so attraktiv. Aber am schlimmsten war das Bosman-Urteil mit der totalen Öffnung des Marktes für alle ausländischen Profis. Es ging früher im deutschen Eishockey nie um deutsche oder ausländische Spieler. Die Frage war: Bis du ein Mannheimer oder ein Berliner? Ein Kölner oder ein Düsseldorfer? Paul Messier etwa war für die Leute kein Kanadier, sondern Mannheimer. Lee und Valentine, das waren Düsseldorfer. Tanti und Chabot, das waren Berliner. Das hat eine ganz breite Identifikation mit der ganzen Liga ermöglicht. Aber von 1996 an haben manche Clubs ja jedes Jahr die komplette Mannschaft ausgetauscht.

Lenz Funk hatte großen Anteil am Aufstieg der Eisbären Berlin.

Herr Funk senior, Sie waren in dieser Zeit Manager bei den Berliner Eisbären und haben ebenfalls die gesamte Mannschaft ausgetauscht. Ihr Argument damals lautete: Der beste Identifikationsfaktor ist der Erfolg.

Funk senior: Das müssen sie im Zusammenhang mit unserer Situation sehen. Die Eisbären waren ja nie erfolgreich, wir hatten ein Abo auf den letzten Tabellenplatz. Das Bosman-Urteil war für uns eine riesige Chance. Und wenn man sich die Eisbären heute anschaut, muss man schon sagen: Wir haben diese Chance genutzt! Glauben Sie, die Eisbären würden heute Woche für Woche vor 14.000 Zuschauern spielen, wenn wir damals nicht diese radikale Wende vollzogen hätten?

Funk junior: Ihr hattet aber auch das große Glück, dass bei euch fast alle Verträge ausgelaufen sind. Ihr konntet ohne vertragliche Verpflichtungen eine neue Mannschaft aus einem viel größeren und damit kostengünstigeren Angebot von Spielern zusammenstellen. Dieses Glück hatten andere nicht.

Funk senior: Das ist schon richtig, aber du musst auch zugegeben, dass wir das ganz gut gemacht haben. Und das Publikum hat sich sofort mit dieser Mannschaft identifiziert, wir hatten auf einmal viel höhere Zuschauerzahlen. In dieser Zeit ist bei den Eisbären eine neue Fankultur entstanden. Wenn das bei allen Clubs so gelaufen wäre…

Die DEL hatte bei ihrer Gründung den Anspruch, die beste Liga hinter der NHL zu werden. Ist sie diesem Anspruch gerecht geworden?

Funk junior: Die Welt hat sich verändert. Der Kampf um die besten Spieler ist so hart wie nie, und wir können ihn nicht gewinnen. Die besten Ausländer gehen schon lange nach Russland, in die Schweiz, nach Finnland und Schweden.

Funk senior: Ganz am Anfang war das nicht so. Damals wollte keiner nach Russland oder nach Tschechien. Die Schweden hatten wirtschaftliche Probleme, und in der Schweiz gab es kaum Stellen für Ausländer. Da konnten wir als kleine Eisbären Jiri Dopita holen, der war damals der beste Spieler in Europa. Ich weiß noch, wie ich bei allerlei Sponsoren Bargeld gesammelt habe, insgesamt 120.000 Mark. Die habe ich in einen Koffer gepackt und bin nach Dresden gefahren, um auf dem Hauptbahnhof mit Dopitas Manager zu verhandeln. Als wir uns einig waren, macht der Mann den Koffer auf, der Wind kommt, und das Geld weht raus!

Lenz Funk Sr. über die Verpflichtung von Jiri Dopita:

"Ich weiß noch, wie ich bei allerlei Sponsoren Bargeld gesammelt habe, insgesamt 120.000 Mark. Die habe ich in einen Koffer gepackt und bin nach Dresden gefahren."


Und?

Funk senior: Na, wir haben es aufgesammelt, und Dopita ist nach Berlin gekommen.

Funk junior: Mitte, Ende der Neunziger Jahre war das Niveau in der DEL sehr hoch. Auch noch teilweise in den ersten Jahren nach Bosman. Ich durfte bei den Eisbären drei Jahre mit Thomas Steen zusammenspielen, der hatte 14 Jahre NHL hinter sich und war bei den Winnipeg Jets Kapitän. Für manchen Zuschauer mag sein Spiel äußerst unspektakulär gewesen sein; aber taktisch war er einfach perfekt, läuferisch genauso. Dann hatten wir Greg Andrusak, einen Kanadier, der saß oft als überzähliger Ausländer auf der Tribüne. Irgendwann hatte er keine Lust mehr darauf, hat Berlin verlassen und wollte aufhören. Ein paar Monate später schaltete ich den Fernseher ein, New York Rangers gegen Pittsburgh Penguins, das letzte Spiel von Gretzky. Die Kamera zeigt die Starting Six und plötzlich steht da: der Andrusak! Der war zu schlecht für die Eisbären, hat irgendwie einen Vertrag als Free Agent in der NHL bekommen und steht auf einmal im letzten Spiel des größten Eishockeyspielers aller Zeiten in der Startaufstellung. Verstehen Sie: So hoch war damals das sportliche Niveau in der DEL!

Funk senior: Oder nehmen Sie Thomas Rhodin. Den habe ich 1997 aus Färjestad nach Berlin geholt, aber am Anfang hat er bei uns kaum gespielt. Später ist er in die Schweiz gegangen, hat für die schwedische Nationalmannschaft gespielt und ist bei der Weltmeisterschaft 2002 ins Allstarteam gewählt worden.

Funk junior: Aber, Vater, du weißt: Es gab auch andere Spieler...

Jetzt sind wir gespannt!

Funk junior: Na gut, stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Mannschaftsbus auf dem Weg zum Auswärtsspiel und der kanadische Teamkollege hinter Ihnen tippt Ihnen auf die Schulter und fragt völlig baff: „Du, wie riesig ist diese Stadt eigentlich, an der wir endlos vorbeifahren?“ – „Welche Stadt?“ – „Na die, die auf jedem Schild angeschrieben steht: Ausfahrt!“

Das meinen Sie nicht ernst!

Funk junior: Ganz ehrlich, da verzweifelst du – erst recht, wenn der Kanadier schon seit zwei Jahren in Deutschland lebt. Den Namen möchte ich nicht sagen, einen anderen weiß ich noch ganz genau: Francois Gravel...

...ehemals Torwart in Hannover, bei den Eisbären und in Oberhausen...

Funk junior: Richtig. In dem Jahr bei den Eisbären dachte ich mal, ich sehe nicht recht: Fehlte der in der Drittelpause bei der Ansprache des Trainers doch allen Ernstes, weil er in der Dusche auf dem Boden lag und erst mal zwei Zigaretten wegqualmte!

Da kann er von Glück sagen, dass dieser Trainer nicht Hans Zach war!

Funk junior: Der Hans! Einer der beiden besten Trainer, die ich je hatte. Sein System war für Spieler ganz einfach zu verstehen, ihm ging es um die so wichtigen Kleinigkeiten, Disziplin und Fitness; dazu war er ein großartiger Motivator.

Lenz Funk über Hardy Nilsson:

"Läuferisch und technisch hat er jeden Spieler durch sein Training besser gemacht."


Wer war der andere?

Funk junior: Hardy Nilsson. Er war der völlige Unterschied zu Zach. Sein System war viel komplizierter und es hat lange gedauert, bis es jeder verstanden hat. Läuferisch und technisch hat er jeden Spieler durch sein Training besser gemacht.

Herr Funk senior, erzählen Sie uns, wie Sie Weißbier im Osten salonfähig gemacht haben.

Funk senior: Ach, die Erdinger-Geschichte! Kontakte dorthin hatte ich über den Brenninger Mucki (Dieter Brenninger, ehemaliger Fußball-Nationalspieler, u.a. Bayern München und VfB Stuttgart – Anm. d. Autoren) schon seit den Achtziger Jahren. Kurz nach der Wende stiegen sie bei Dynamo als Sponsor ein, erst klein, später weitete sich das immer mehr aus. Letztlich war es für beide Seiten eine richtig gute Partnerschaft. Ich war für Erdinger der beste Vertreter in den neuen Bundesländern. Die Ostler kannten ja kein Weißbier, durch mich sind sie auf den Geschmack gekommen.

Im wahrsten Sinne des Wortes...

Funk senior: Ja freilich! Wenn wir auswärts in Landshut oder sonst wo in Bayern gespielt haben, dann wurden unseren Fans regelmäßig ein paar Kisten für die Heimfahrt im Bus mitgegeben. Aber wissen Sie eigentlich, dass die heutzutage allgegenwärtige Weißbierdusche im Wellblechpalast erfunden wurde?

Tatsächlich?

Funk senior: Der Marc Fortier hat damit angefangen; es muss 1999 gewesen sein, nach dem 3:2 gegen Kazan im letzten Spiel der Finalrunde des Continental Cups. Wir gewannen 3:2 und waren damit in der Abschlusstabelle Zweiter. Auf einmal fuhr Fortier mit so einem Fünf-Liter-Krug über das Eis und kippte den Inhalt über seinen Mitspielern aus, das Foto davon war allerbeste Werbung für Erdinger. Naja, und heute ist das bei den Bayern halt nach jedem x-beliebigen Titel Pflicht und Paulaner freut’s.

Als Manager war Lenz Funk auch für die Capitals unterwegs.

Nach dem Anschutz-Einstieg sind Sie von den Eisbären zu den Capitals gegangen, sozusagen in Ihre alte Heimat. Sie waren bei den Vorgängerclubs der Capitals Spieler und Trainer, aber als Manager hatten Sie nicht so viel Glück.

Funk senior: Das war ein Drama! Wir hatten auch einen sehr großherzigen Finanzier, Egon Banghard, der hat wahnsinnig viel Geld in den Verein gesteckt, jedes Jahr 6 Millionen D-Mark – mindestens! Es reichte trotzdem nie, wegen der hohen Altschulden.

Funk junior: Ich habe das letzte Jahr bei den Capitals noch als Spieler miterlebt, da sind unglaubliche Sachen passiert. Ich hatte meine Karriere eigentlich schon beendet, aber die Capitals brauchten dringend Leute, der Trainer wollte mich unbedingt haben. Also habe ich ein paar Stunden vor dem ersten Saisonspiel einen Vertrag unterschrieben und bin ohne Training aufs Eis. Am Anfang hat das noch gut funktioniert, wir hatten viele Spieler, die sich woanders für einen Vertrag anbieten wollten. Auch Greg Andrusak war nach seinem NHL-Abenteuer noch mal dabei. Wir hatten wirklich eine gute Mannschaft, aber dann war kein Geld mehr da, die Spieler haben ihr Gehalt nicht mehr bekommen. Und alles ist zusammengebrochen.

Funk senior: Das tat schon weh. Vor allem, weil in der Öffentlichkeit immer alles auf den Banghard geschoben wurde. Und der hat nun wirklich alles gegeben, bis er selbst pleite war.

Funk junior: Das Schlimme war ja nicht, dass kein Geld kam. Sondern dass wir permanent angelogen und hingehalten wurden. Plötzlich sind auffällig viele Spieler krank geworden. Ich kann mich an ein Spiel in München erinnern, da hatten wir nur noch 13 Spieler. Auf der Fahrt zum Stadion haben wir noch meinen Bruder Florian und einen anderen Spieler abgeholt, die wurden schnell lizenziert, dabei waren sie beide längst inaktiv. Trotzdem hätten wir beinahe gewonnen, obwohl München eine Super-Mannschaft hatte und später auch Meister wurde. So etwas gibt es heute natürlich nicht mehr.

Die Capitals sind 2002 aus der DEL verschwunden und nie wieder zurückgekehrt.

Funk junior: Ich bin Oberbayer, aber dieser Verlust schmerzt mich bis heute. Ich bin 1996 nur zu den Eisbären gegangen, weil mein Vater da Manager war. Ich hätte aus Überzeugung nicht für Ost-Berlin gespielt, weil mein Lieblingsverein nun mal in West-Berlin zu Hause war. Da hat mein Vater früher gespielt und war Trainer, das kannte ich von Kind auf an, da wollte ich unbedingt hin. Ich hatte dann 1996 auch ein Angebot von den Preussen, aber mein Vater war inzwischen bei den Eisbären, also folgte ich ihm in den Osten.

Funk senior: Ha! Da sehen Sie mal, was ich allein als Vater für die Eisbären getan habe!

Funk junior: Berlin war Ende der Neunziger Ja


Sie haben Thomas Sabo schon erwähnt. Sein Name steht für das erste Winter Game in der Geschichte der DEL, das 2013 vor 50.000 Zuschauern im Nürnberger Fußballstadion stattfand.

Funk junior: Thomas Sabo hat als einziger in die DEL involvierter Geldgeber daran geglaubt, dass ein solches Projekt auf rentable Weise durchführbar sein könnte. Er ist das Risiko eingegangen und dafür belohnt worden. Wenn es 2015 nun zur Neuauflage in Düsseldorf kommt – ich bin mir sicher, dass sich ohne Thomas Sabo noch lange Zeit kein anderer an ein solches Projekt herangetraut hätte.

War die Premiere für Sie das Highlight in 20 Jahren DEL?

Funk junior: Ohne Zweifel: Ja! Die Zuschauerzahl – ein Highlight! Die Medienwirksamkeit – ein Highlight. Das komplette Event inklusive des Spiels war positiv. Nicht nur für Nürnberg, sondern für die DEL und das Eishockey in Deutschland.