Hintergrund

04. August 2022

Perfekt geht nicht

DEL Redaktion

Von DEL Redaktion

Nachwuchs-Not und hohe Erwartungen - Im Gespräch mit Lars Brüggemann, Leiter Schiedsrichterwesen der PENNY DEL.

Sie sind in jedem Spiel das dritte Team auf dem Eis, dann am besten, wenn man sie kaum bemerkt und doch absolut unerlässlich für unseren Lieblingssport: Die Schiedsrichter. Zu Beginn dieser Woche hat die Liga den Kader der Schiedsrichter für die kommende Spielzeit bekanntgegeben und unsere Redaktion hat sich in diesem Zuge mit unserem Experten, Lars Brüggemann, der das Schiedsrichterwesen der PENNY DEL leitet und gleichzeitig als Berater beim Deutschen Eishockey Bund fungiert, eingehend über das Team in den gestreiften Jerseys unterhalten.

Dem Schiedsrichtermarkt mangelt es an Nachwuchs. Das ist leider nichts Neues und längst nichts, was sich nur auf Deutschland beschränkt. „Selbst in Nordamerika gibt es Probleme mit der Akquise von neuen Schiedsrichtern. Da ist es in den Nachwuchsliegen oder in unteren Ligen gang und gäbe, dass Spiele ausfallen, weil keine Schiedsrichter zur Verfügung stehen“, erklärt Brüggemann, der selbst acht Jahre als Schiedsrichter in der PENNY DEL unterwegs war, in unserem wöchentlichen Podcast. „Der Schiedsrichtermarkt ist sehr klein und auf Top-Level extrem umkämpft.“

In den vergangenen Spielzeiten hat die PENNY DEL deshalb vor allem auf die Unterstützung von Importkräften aus Kanada und den USA gesetzt, die neben ihrer Erfahrung aus den dortigen Ligen zusätzliches Knowhow mit nach Deutschland brachten: „Man muss wissen, dass das Regelbuch, welches die IIHF verwendet, aus der NHL kommt. Entsprechend war der ‚nordamerikanische Weg‘ ein logischer Schritt, weil die Schiedsrichter schon an dieses Regelbuch gewöhnt waren und dann unseren Schiedsrichtern helfen konnten“, verrät der Leiter des Schiedsrichterwesens. Durch die fortgeschrittene Implementierung des internationalen Reglements sind nun jedoch auch Referees anderer Nationen für die PENNY DEL immer interessanter geworden. Trotzdem soll der Weg über Importkräfte kein dauerhafter sein: „Es ist keine langfristige aber zumindest eine mittelfristige Lösung, dass wir jetzt auf ausländische Schiedsrichter zurückgreifen.“

Aber wo hakt es beim einheimischen Nachwuchs? Einfacher ist die Akquise in den letzten Jahren nicht geworden. Abschiede von Schiedsrichterausbildern und die weltweite Pandemie haben das Training und die Anwerbung nachhaltig ausgebremst. Hinzu kommen offensichtliche Einstiegshürden, wie das Eislaufen auf Top-Niveau. In Deutschland wird deshalb immer wieder gezielt nach Ex-Profis oder ehemaligen Jugendspielern gesucht, die eisläuferisch gut ausgebildet sind und die Emotionen auf dem Eis aus ihrer aktiven Zeit kennen. Zwar ist längst nicht jeder Spieler auch ein guter Schiedsrichter, sagt Brüggemann, doch „ein ehemaliger Nachwuchsspieler oder Nationalspieler, der kennt das Umfeld, der kennt die Drucksituationen, wenn er als Spieler schon mal auf dem Eis war. Für die ist dieser Switch dann nicht mehr allzu groß.“

Bevor es zu den Profis geht, beginnt der Weg für angehende Referees bei den Landeseissportverbänden. Wer hier überzeugt, qualifiziert sich für die Lizenzlehrgänge des Deutschen Eishockey Bundes. Schon bei der Ausbildung wird die Leistung somit stetig beobachtet und eingeschätzt. Eine Praxis, die auch bei den Schiedsrichtern der PENNY DEL Anwendung findet, wie Brüggemann erklärt: „Mir ist es wichtig, extrem gute Schiedsrichter auf dem Eis zu haben, damit sich das Spiel im Allgemeinen entwickelt. Es geht uns nicht nur darum, ein gutes Schiedsrichterwesen oder gute Schiedsrichter zu haben, sondern darum, Eishockey allgemein weiterzubringen. Gerade junge Spieler müssen sich entwickeln können und das funktioniert mit guten Schiedsrichtern wesentlich besser.“

Ob ein Schiedsrichter nun objektiv gut oder schlecht war, wird im Sport allerdings häufig zur Nebensache, zu subjektiv sind die Sichtweisen, zu emotional die Einschätzungen des Gesehenen. Es allen recht zu machen, kann jedoch auch nicht der Anspruch sein, meint der Ex-Profi. „Ich würde mir wünschen, dass die Erwartungshaltung gegenüber den Schiedsrichtern ein wenig angepasst wird. Schiedsrichter sind nicht perfekt und werden auch nie perfekt sein. Wenn man mit der Erwartungshaltung an die Sache herantritt, ein Schiedsrichter müsste perfekt sein, dann wird es schon schwierig. Eishockey ist ein Spiel der Fehler und es ist längst nicht alles schwarz und weiß. Da ist immer viel Ermessen dabei, denn jeder Spielzug ist anders.“