Nachwuchskoordinator Uli Liebsch im Interview

„Die Basis stärken mit entschiedener Unterstützung der GmbHs“

Zur Saison 2014/2015 führte die DEL das so genannte “Fünf Sterne Programm“ mit qualitativen und quantitativen Kriterien für die Nachwuchsförderung ein. Aufgrund der COVID19-bedingten gravierenden Beeinträchtigungen des Nachwuchs-Eishockeys konnte die Bewertung der Clubs in der vergangenen Saison jedoch nicht stattfinden. Welche Herausforderungen sich dadurch für den Nachwuchs und für das Fünf-Sterne-Programm ergeben haben, darüber haben wir mit dem Nachwuchskoordinator Uli Liebsch gesprochen. Außerdem hat er uns erzählt, welche Vorbilder sich die deutsche Nachwuchsarbeit sucht und an welchen Punkten die DEL-Clubs in Zukunft noch arbeiten können.

Corona hat vor allem das Jugendeishockey hart getroffen. Wie wichtig war es da, dass schnellstmöglich wieder zu einer gewissen „Normalität“ zurückgefunden wurde?

Das hat zwei Aspekte. Einmal der Aspekt, dass die Spielerinnen und Spieler, die schon im Nachwuchs an den Standorten spielen, je nach Altersklasse ganz hohe Trainingsausfälle hatten. Gerade die U11 und jünger, ich glaube das waren nur drei Monate. Ansonsten haben die die meisten Trainingseinheiten verpasst. Das ist schon sehr beunruhigend. Bei den Kaderspielern, bei den Älteren sah es ein bisschen besser aus, die konnten zumindest teilweise trainieren aber der Spielbetrieb war ja auch ausgesetzt. Und der zweite Aspekt, den wir wahrscheinlich erst in ein paar Jahren merken werden, diese ganzen Rekrutierungsaktionen, sowas wie Kids Days und Kindergartenaktionen, einfach das Anwerben von neuen Spielern, konnte ja auch nicht stattfinden. Das ist was, was wir bei den Anmeldungen der Jahrgänge 14, 15, 16 merken. Da haben wir einen Rückschritt gemacht. Das wird man nicht mehr kompensieren können. Deswegen ist es umso wichtiger jetzt wieder zurückzukehren. Klar, man kann was aufholen, zum Beispiel die Eiszeiten, die man verloren hat. Ich denke, das werden die meisten wieder aufholen. Aber die Kinder, die man nicht zum Eishockey bringen konnte, die wird man nicht mehr bekommen. Das ist das, was uns wahrscheinlich am meisten wehtun wird.

Wie wird darauf nun reagiert? Werden die PENNY DEL-Clubs jetzt besonders aktiv?

Da muss ich die Clubs wirklich loben. Gerade in der DEL. Die haben jetzt Anstrengungen unternommen, zusätzliche Kids Days zu veranstalten, eigentlich alles unternommen, was in ihrer Macht stand. Einfach um auch diese Jahrgänge zu bewerben. Es gibt Vereine, die haben die Listen trotzdem voll bekommen. Andere, meistens auch kleinere Standorte, haben es da natürlich schwieriger, schon von der Einwohnerzahl her. Aber die machen da einen guten Job. Denen ist bewusst, dass es unten los geht und dass man keine großen Löcher über mehrere Jahrgänge haben darf. Das würde sich später mal sehr negativ auswirken.

Aktionen wie die Kids Days sind auch Teil der Zertifizierung im Sterne-Programm?

Genau. Das Fünf-Sterne-Programm ist ein bisschen anders aufgestellt als andere Zertifizierungsprogramme, die man im Sport kennt, aus dem Fußball oder aus dem Handball. Bei uns geht es immer unten an der Basis los. Wenn man da nicht diese Aktionen macht, da nicht die Anzahl der Kinder hat und Eiszeiten für die Kleinen hat, dann kann ich mich nach oben gar nicht aufbauen. Unser Sport muss noch wachsen, das ist unser allergrößtes Ziel, deswegen geht es immer an der Basis los.

Wie hat es sich denn auf die Bewertung in diesem Jahr ausgewirkt, dass diese Aktionen zuletzt durch das Coronavirus nicht stattfinden konnten? Ist der Fokus deshalb nochmal besonders auf diese Aktionen gelegt worden?

Das Ziel war ja, den Status Quo von vor Corona zu erreichen, was die Aktionen betrifft. Da sind alle Vereine dahingekommen, wo sie vorher waren. Also beim Thema Eiszeiten auf jeden Fall, die Aktionen, die sie vorher gemacht haben. Teilweise sogar über das geforderte Maß hinaus.

Besonders jetzt nach dem einen Jahr Pause, wie bewertest du die Entwicklung mit Blick auf die Clubs?

Insgesamt ist die Entwicklung positiv. Trotzdem war Corona ein hemmender Faktor. Ich denke aber, wenn Spielbetrieb und Trainingsbetrieb weiterlaufen, dann wird sich der positive Trend fortsetzen. Das Fünf-Sterne-Programm ist natürlich auch ein wirtschaftlicher Faktor, weil man eben Ausgleichszahlungen leisten muss, wenn man etwas nicht tut. Insgesamt hat sich da aber die Einstellung geändert. Man sieht, die Arbeit zahlt sich aus. Die jungen Spieler, wenn man auf die PENNY DEL schaut, sind schon früh ein Erfolgsfaktor und Leistungsträger. Da haben die GmbHs bis runter zu den Stammvereinen eine Philosophie verinnerlicht: Okay, ich möchte selbst ausbilden, ich möchte Spieler selbst entwickeln, denn oben wird das dann ein Erfolgsfaktor werden.

Mit Spielern wie Tim Stützle, Moritz Seider und allen voran Leon Draisaitl, hat das deutsche Eishockey in den letzten Jahren für Aufmerksamkeit gesorgt. Welchen Einfluss haben solche Ausnahmetalente auf die Anmeldezahlen im Jugendeishockey?

Das sind Namen, die kennen die Kids. Wenn man im Training von den drei Genannten Seider, Stützle, Draisaitl spricht, denen eifern die Kids denen nach. Das sind große Vorbilder. Aber sie sind halt weit weg, alle sind in Nordamerika, sind nicht greifbar. Hier haben wir, auch durch das Sterneprogramm, die Vorbilder vor Ort. Es gibt Punkte dafür, wenn man aktuelle Profis auf dem Eis hat. Das ist eine super Sache. Ich habe letztens einen Podcast im Fußball-Bereich gemacht, da haben die das gar nicht glauben können, dass wir Profis beim U11-Taining mit auf dem Eis haben. Wir sind da eben noch ein kleinerer Sport. An manchen Standorten funktioniert das wunderbar, da ist dann jede Woche ein Profispieler mit auf dem Eis. An anderen Standorten könnte man teilweise noch ein bisschen mehr Engagement gebrauchen.

Schaut man sich eigentlich auch mal etwas bei anderen Ländern ab?

Man muss schon über den Tellerrand gucken. Was machen andere? Was kann ich vielleicht für mich übernehmen? Ich kann aber nie Dinge eins zu eins übernehmen oder eine Schablone auflegen und versuchen, es genau so zu machen. Aber Finnland ist schon ein gutes Beispiel. Die haben ca. 5 Millionen Einwohner und wie viele Spieler die da ausbilden, das ist wirklich Weltspitze. Russland und Kanada leben halt von der Masse. Da gucken wir schon viele Dinge ab. Gerade diese Vereinsbetreuung, die wir jetzt auch machen und mittlerweile auch in der DEL2 und in der Oberliga haben, wo der Herberts Vasilievs und ich auch immer vor Ort sind bei den Clubs. Das ist etwas, was die Finnen und Schweden schon seit zehn, 15 Jahren machen. Das kommt aus Skandinavien, das haben wir uns abgeguckt und das ist inzwischen eine wichtige Säule. Eins darf man aber nicht vergessen: Die haben 70.000 lizensierte Spieler. In Finnland ist Eishockey Nummer 1. Bei uns herrschen da vollkommen andere Voraussetzungen.

Da kommen wir noch auf ein anderes Problem in Deutschland. Das Thema Eiszeit.

Ja, wobei da muss ich sagen, wenn wir auf die PENNY DEL-Clubs schauen, hat das Fünf-Sterne-Programm schon einige Türen geöffnet bei den Kommunen, bei den Städten, bei den Hallenbetreibern. Da müssen die Standorte aber natürlich weiter aktiv bleiben. Mit nur einer Eisfläche wird es da natürlich grundsätzlich schwierig. Aber insgesamt ist auch hier eine positive Entwicklung zu beobachten.

Da hast du mir die nächste Frage schon vorweggenommen. Das Sterne-Programm fungiert also auch als Vermittler zwischen Clubs und Kommunen? 

Wir helfen, wo es geht. Wir wollen den Stammvereinen immer helfen, in allen Richtungen. Wir haben auch schon Gespräche mit Hallenbetreibern geführt, auf politischer Ebene mit Kommunen. Wenn ein Verein da Hilfe sucht, dann schauen wir immer, was wir machen können. Auch in Schulen. Beim Thema Schulkooperationen sind wir den Skandinaviern aber weit hinterher, weil sie durch die Schulen ganz andere Bedingungen haben. Die können dann zweimal am Tag zu vernünftigen Zeiten trainieren. Bei uns müssen Teams schon mal um sechs Uhr morgens auf das Eis. Da haben wir noch große Probleme im Vergleich zu anderen Nationen. Aber auf kommunaler Ebene sind dann eben mit unserer Unterstützung Möglichkeiten da, wo man mal eine Stunde ausfallen lassen kann, vielleicht morgens und ein Training ansetzen kann. Da öffnen sich dann manchmal Türen.

In der DNL ist nach längerer Dominanz der Jungadler mit den Eisbären Juniors wieder ein anderes Team Meister geworden. Verbuchst du das in gewisser Weise auch als Erfolg der Nachwuchsarbeit, weil es mehr Breite bei jungen Spielern vermuten lässt?

Das ist richtig. Da gibt es auch belegbare Zahlen. Die Anzahl der Spieler ist in den letzten Jahren gewachsen. Doch nicht nur die Anzahl, auch die Qualität der Spieler ist besser geworden von unten herauf, weil die Vereine auch besser arbeiten in der Ausbildung. Da tut sich etwas. Wir bekommen mehr und besser ausgebildete Spieler, die oben ankommen. Dadurch haben dann mehr Vereine die Möglichkeit sich so aufzustellen, dass sie, so wie Berlin jetzt, da mal ganz oben stehen können.

Gleich neun PENNY DEL-Clubs wurden in diesem Jahr mit den vollen 5 Sternen ausgezeichnet.Gibt es vielleicht trotzdem noch einen Punkt, bei dem du dir in der Zukunft noch mehr Engagement von den Clubs erhoffst?

Das ist eine schwierige Frage, weil die Standorte einfach unterschiedliche Voraussetzungen haben. Ich würde mir aber wünschen, dass die Entschlossenheit weiterhin von unten, die Basis beginnt nun mal immer unten, von den GmbHs weitergeführt wird und auch weitergelebt wird. Die Basis stärken mit entschiedener Unterstützung der GmbHs, das ist vielleicht etwas, wo wir noch besser werden können. Wir müssen Spieler ausbilden, das stärkt die Liga.

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